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Blutsfreunde

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Gerdi M. Büttner
Blutsfreunde
384 Seiten, Hardcover
Mystery Verlag, Aschaffenburg
3-9807792-0-3


Gespräch mit dem Vampir

Nicolas hatte sich entschuldigt und war nach oben in sein Schlafzimmer gegangen. Er wolle endlich Conellys Kleider ausziehen, sagte er. Danach würde er Daniel Rede und Antwort stehen.
Mary und John waren bereits zu Bett gegangen. Sie mußten morgen in aller Frühe aufstehen.
Neugierig sah sich Daniel im Zimmer um. Bojan schnarchte noch immer vorm Kamin, die flackernden Flammen warfen seltsame Muster auf sein fahlgelbes Fell. Daniels Blick schweifte von dem Hund ab, strich über die gediegenen alten Möbel und die wertvollen Teppiche. Dieser Krolov schien kein armer Mann zu sein. Auch auf Burg Kenmore gab es teure Möbelstücke und edle Teppiche. Aber diese hier erschienen ihm sehr alt und irgendwie fremdartig, so als stammten sie aus einem anderen Land. Besonders gefielen ihm die Wandteppiche, deren bunte Bilder seine Phantasie beflügelten.
Wie ein Meisterwerk erschien ihm das fast lebensgroße Gemälde über dem Kamin. Ein Portrait von Nicolas, auf dem er eine seltsame Tracht trug. Es mußte vor nicht allzulanger Zeit gemalt worden sein, denn es zeigte den Hausherrn genau so, wie er jetzt aussah. Daniel ging etwas näher heran, damit er die Jahreszahl am unteren Rand entziffern konnte. Der Maler hatte sein Bild in einer fremden Schrift signiert; mühselig entzifferte Daniel die Jahreszahl 1437.
Das konnte nicht sein, überlegte er, sicher hatte er die Schnörkel falsch gelesen. Er ging noch näher heran, bis ihm die Hitze des Kamins unangenehm durch die Hose drang. Er hatte richtig
gelesen, die Zahl hieß 1437.
Wohl irgendein Urahn von Krolov, vermutete Daniel. Die Ähnlichkeit war auf jeden Fall verblüffend.
Ein Räuspern erklang hinter seinem Rücken. Nicolas war lautlos hinter ihn getreten. Seine hellen Augen richteten sich nun ebenfalls auf das Bild.
"Ist das irgendein Urgroßvater von dir?" fragte Daniel, etwas verlegen wegen seiner Neugierde.
Doch Nicolas lächelte nur.
"Nein", meinte er leise "kein Urgroßvater. Das Bild stellt mich dar. Es wurde in Rußland gemalt. Deswegen die fremde Tracht."
Offen blickte er in Daniels Augen, erforschte seinen verwirrten Blick.
"Aber die Jahreszahl!" Der Junge starrte ihn verblüfft an.
"Das kann doch nicht sein. Das Bild trägt die Jahreszahl 1437. Das würde ja bedeuten, du wärst mindestens ..." Er begann zu rechnen.
"Dreihundertsiebenundsechzig", half Nicolas zuvorkommend. "Ich bin dreihundertsiebenundsechzig Jahre alt."
Daniels Kinnlade sackte herunter. Wollte der Mann ihn verkohlen? Doch Nicolas' Augen blickten sehr ernst in die seinen. Und plötzlich hatte er keine Zweifel mehr. All die seltsamen Begebenheiten fielen ihm wieder ein. Die mysteriöse Aura, die Nicolas umgab. Das war kein Mensch, wußte er plötzlich.
Aber was war er dann? Ein Magier vielleicht? Ein Hexer?
"Ein Vampir, Daniel."
Die magischen Augen ließen ihn nicht los, schienen tief in sein Innerstes zu dringen. Daniel schauderte und spürte, wie eine Gänsehaut seinen Körper hinaufkroch.
"Ein Vampir?" echote er. Fassungslos starrte er sein Gegenüber an. "Aber ..., aber ...", stotterte er und brach dann hilflos ab.
Vor seinem inneren Auge erschien eine furchterregende Gestalt mit langen Klauen und Zähnen, die das Blut ihrer wehrlosen Opfer - bevorzugt Jungfrauen - trank. So wurden Vampire zumindest in den Geschichten beschrieben, die man sich an langen Winterabenden am Kamin erzählte.
Nicolas schüttelte lächelnd den Kopf, als sähe er Daniels wirre Gedanken.
"Kein Ungeheuer, keine Klauen und keine Jungfrauen. Nur das mit den Zähnen kommt etwa hin."
Bei diesen Worten enthüllte ein Lächeln sein makelloses Gebiß.
Er liest tatsächlich in meinem Kopf, erkannte Daniel.
Seine Gedanken glitten erneut zurück zu den Geschichten seiner Kinderzeit. Darin wurden Vampire als gemeine, seelenlose Wesen beschrieben, die jeden, dessen sie habhaft wurden, töteten, um sein Blut auszusaugen. Der Gebissene wurde dann ebenfalls zum Vampir. Bisher hatte Daniel diese Geschichten nicht geglaubt, sondern sie zu den Märchen gezählt, die von Riesen, Feen, Geistern oder den berühmten kleinen Leuten
der Highlands berichteten.
Ein belustigtes Funkeln glitzerte in den eisblauen Augen seines Gegenübers. Las er schon wieder in seinen Gedanken? Offenbar, wie seine Antwort bezeugte.
"So soll es auch sein, mein Freund. Ein Vampir ist eine Märchengestalt, nichts weiter. Er gehört in die Geschichten und Sagen, die am Abend für Kurzweil und Nervenkitzel sorgen. Doch es gibt uns wirklich. Sehr selten zwar, aber wie du an
mir siehst, dennoch real. Doch ich kann dich beruhigen. Ganz
so fürchterlich, wie wir dargestellt werden, sind wir nicht.
Du brauchst keine Angst vor mir zu haben."
Angst hatte Daniel bisher auch nicht gehabt, doch nun durchfuhr ihn eisiger Schrecken. Wollte der Vampir etwa sein Blut und ihn damit ebenfalls zum Vampir machen? Doch dann
beruhigte er sich selbst. Nein, sicher nicht. Denn sonst hätte
er ihn doch schon getötet.
Dennoch zuckte er zusammen, als ihm Nicolas seine Hände auf die Schultern legte. Er zog sie sofort wieder zurück, als er den Schrecken in Daniels Augen sah.
"Entschuldige. Ich habe dich verunsichert, das war keineswegs meine Absicht. Komm, setz dich hin und trink einen Schluck Wein. Das entspannt dich etwas. Ich habe dir versprochen, alles zu erklären. Zeit haben wir genug. Falls du müde bist, können wir es auch auf morgen abend verschieben."
Als Daniel den Kopf schüttelte, fuhr er fort.
"Ich bin zwar ein Vampir, doch keineswegs das Monster, als
das ein Vampir gemeinhin dargestellt wird. Schau mich an.
Was siehst du? Du siehst einen Menschen vor dir. Ich bin aus Fleisch und Blut, wie du. Ich atme, ich bin wirklich, du kannst mich anfassen, mit mir reden. Wenn man mich schneidet, blute ich genau wie jeder andere Mensch."
Er lächelte nun etwas bitter. Wahrscheinlich dachte er an die blutigen Peitschenmale, die Conelly ihm zugefügt hatte.
"Gut, mein Körper regeneriert sich schneller als ein menschlicher und meine ... Ernährungsgewohnheiten sind andere. Außerdem verfüge ich über einige ... übernatürliche Fähigkeiten. Doch das braucht dich alles nicht zu schrecken. Denn ich versichere dir, ich hatte nie die Absicht, dir etwas anzutun, und werde es auch nie tun. Du hast mir geholfen, mich aus einer schier ausweglosen Situation zu befreien. Dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Ich möchte einfach nur dein Freund sein." Seine hellen Augen blickten bittend und grenzenlos ehrlich.
Die eindringlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Daniels Angst schrumpfte merklich, aber immer noch vorsichtig fragte er:
"So töten Vampire gar nicht jeden, dem sie begegnen? Und sie machen ihre Opfer auch nicht ebenfalls zu Vampiren?"
Nicolas lachte leise.
"Denk doch mal logisch, Daniel. Wenn ich jeden, der mir begegnet, aussaugen und damit zum Vampir machen würde,
hätten ich und meine Brut in der langen Zeit meines Lebens schon ganze Länder entvölkert. Statt Menschen gäbe es dann nur noch verhungerte Vampire."
Das leuchtete Daniel ein, und er fragte hoffnungsvoll:
"Dann tötest du also keine Menschen um ihres Blutes willen? Gehört das auch zu den Lügenmärchen?"
Irgendwie war der Gedanke erleichternd für ihn. Doch Nicolas zerstörte seine schöne Illusion.
"Jedes Märchen enthält zumindest ein Körnchen Wahrheit", meinte er düster, "und die Wahrheit in meinem Fall ist, ja, ich töte Menschen, und ich ernähre mich von ihrem Blut. Es ist meine ... dunkle Seite, etwas das mich für immer und ewig davon trennt, ein Mensch zu sein."
Erneut flackerte Panik in Daniel hoch. Nicolas' Geständnis klang zu ungeheuerlich. Und die soeben erst überwundene
Angst kehrte zurück.
Die sensiblen Sinne des Vampirs bemerkten sofort Daniels veränderten Gemütszustand. Beschwichtigend hob er die Hände. "Ich kann nicht viel zu meiner Verteidigung sagen, nur soviel: Ich töte niemals wahllos, sondern suche mir meine Opfer sehr sorgfältig aus. Dazu zählen nie normale unschuldige Menschen, sondern immer nur Bösewichte. Schwerverbrecher wie Mörder, Vergewaltiger und dergleichen. Ich erkenne sie, indem ich in ihre Gedanken schaue. Zwar weiß ich, es ist trotzdem verwerflich, was ich tue, aber nur so kann ich überleben. Ich brauche das Blut und das Leben meiner Opfer."
Daniel schaut dem Vampir lange ins Gesicht. Und er sah Verzweiflung und auch Schuldgefühle darin.
"Weißt du", fuhr Nicolas leise fort, "was meine größte Sünde ist? Ich wußte damals sehr genau, worauf ich mich einließ.
Kein Vampir wird geschaffen, der sich nicht sehr genau bewußt ist, was er fortan tun muß. Ich habe es trotzdem getan, habe
zugelassen, daß aus mir ein fortwährend mordendes Unge-
heuer wurde."
"Warum bist du ein Vampir geworden?"
"Ich wollte nicht sterben. Nicht so lange vor der Zeit, die einem Menschen zustehen sollte. Mein Leben war bis dahin alles
andere als rosig verlaufen. Ich dachte, es sei mir noch etwas schuldig."
Er seufzte tief.
"Aber das ist eine andere, sehr lange Geschichte. Vielleicht
erzähle ich sie dir irgendwann einmal."
Er kam auf ihr ursprüngliches Gespräch zurück.
"Ich bin, was ich bin, nichts auf der Welt wird das mehr ändern. Vielleicht kannst du trotzdem mein Freund sein. Ich würde es mir wünschen. Du bist bei mir sicher wie ein Baby in den Armen
seiner Mutter. Ich werde dir genausowenig etwas antun, wie dir dein Hund etwas tun würde. Er ist so groß und kräftig, daß er dich mit einem Biß töten könnte. Aber das käme ihm nie in
den Sinn. Ebenso käme es mir nicht in den Sinn, dir ein Leid
anzutun."
Daniel dachte lange nach, ehe er antwortete.
"Ich vertraue dir. Und ich fühle mich geehrt, dein Freund zu sein."
Spontan reichte er dem Vampir die Hand, die der sehr ernst ergriff.
"Du wirst es nicht bereuen." Es klang feierlich wie ein Schwur.

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Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 29. März 2006 um 12:46 Uhr  

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